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Das Sobieski-Stundenbuch: Schmuckstück der königlichen Sammlung auf Schloss Windsor

Das Sobieski-Stundenbuch ist ein Höhepunkt der spätgotischen Pariser Buchmalerei. Ein einzelner Buchmaler hätte ein solch monumentales Werk kaum ohne Unterstützung schaffen können. In den Jahren um 1430 haben daher einige der begabtesten Buchmaler Frankreichs an seiner Vollendung mitgewirkt. Wo der berühmte Bedford-Meister die Miniaturen wegen ihrer großer Zahl nicht selbst ausführen konnte, legte er sie doch zumindestens an oder gab seinen Mitarbeitern genaue Instruktionen. Dabei war der Austausch mit anderen Ateliers nichts Ungewöhnliches; und so waren auch der Fastolf-Meister und der Meister der Münchner Legenda aurea als Buchkünstler an der Erfüllung dieses Großauftrags beteiligt. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts befand sich das Sobieski-Stundenbuch im Besitz des Bücher liebenden Bischofs von Raab und Erlau. Im 17. Jahrhundert kam es an den Hof des polnischen Königs Johann III. Sobieski und erhielt dort seinen heutigen goldverzierten Samteinband. Die Enkelin des Königs, Maria Clementia Sobieska, heiratete 1719 den englischen und schottischen Thronprätendenten James Francis Edward Stuart. Ihr jüngerer Sohn, Henry Benedict Stuart, Kardinalherzog von York, vermachte die prachtvolle Handschrift vor seinem Tod 1807 dem englischen Kronprinzen George. Dessen Bruder und Nachfolger als König, William IV, ließ später die Räume für die Royal Library auf Schloss Windsor einrichten. Es stellt sich die Frage, für wen das Sobieski-Stundenbuch ursprünglich geschaffen wurde. Gibt uns die Vita der heiligen Margarete, deren Text als einziger in französischer Sprache eingeschoben ist, einen Hinweis? Für die Empfängerin der Handschrift scheint diese jedenfalls von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Betend ist sie mit kostbarem Gewand und burgundischer Haube in der Miniatur auf fol. 162v dargestellt. Die Vorhänge ihrer Bettstatt sind grün, eine Farbe, die für die Geburtszimmer der Damen aus der französischen Königsfamilie reserviert war. Deutet all dies auf Margarete von Bretagne hin, die Enkelin König Karls VI. von Frankreich? Der Kommentarband zum Faksimile bringt Licht in dieses Dunkel.

Überschwengliche Erzählfreude in den Bildkompositionen

Die Bildkompositionen des Bedford-Meisters erfreuen das Auge des Betrachters durch die überbordende Erzählfreude und die geniale Art und Weise, wie hier die Fülle an Szenen und Details organisiert ist, so dass die Miniaturen stets ein harmonisches Ganzes ergeben. Dabei hat der Künstler zwei Arten von Kompositionen geschaffen: das Überblicksbild, in dem alle Szenen in einem einheitlichen Bildraum spielen, der als gewaltiges Landschaftspanorama oder als Phantasiearchitektur daherkommt – mit räumlich gestalteten Loggien und Gemächern. Daneben gibt es die Parzellenbilder, in denen auch eine fortlaufende Geschichte erzählt wird. Doch sind hier die Szenen auf sechs oder neun Einzelbilder verteilt und durch eine goldene Umrahmung klar voneinander getrennt. In einem Überblicksbild wie der Darstellung der Verkündigung an die Jungfrau Maria (fol. 24r) kann der Bedford-Meister sein überragendes erzählerisches und malerisches Talent voll ausschöpfen. Er illustriert nicht nur ein einzelnes biblisches Ereignis, sondern erzählt virtuos eine komplette Geschichte in acht Bildszenen, für die eine großartige Phantasiearchitektur den Rahmen abgibt. Die Erzählung aus dem Leben der Jungfrau Maria beginnt oben links und entfaltet sich im Uhrzeigersinn. Dargestellt sind: Zurückweisung des Opfers Joachims – Joachim in der Einöde – Joachim und Anna an der Goldenen Pforte – Geburt der Jungfrau – Präsentation der Maria im Tempel – Maria webt am Vorhang des Tempels – Hochzeit mit Josef. Den Höhepunkt bildet Mariä Verkündigung in der Bildmitte.

Details

Handschrift: Windsor Castle, The Royal Library
Entstehungszeit: um 1430
Entstehungsort: Paris
Format: ca. 27,5 x 18,5 cm
Umfang: 468 Seiten (234 Blatt)
Künstler: Bedford-Meister, Fastolf-Meister, Meister der Münchner Legenda aurea
Auftraggeber: vielleicht Jeanne de France, Tochter des französischen Königs Karl VI., für ihre Tochter Margarete von Bretagne anlässlich ihrer Verlobung mit Guy XIV. von Laval
Ausstattung: 60 Miniaturen mit über 400 Einzelszenen, Textseiten mit goldenem Rankenschmuck, Blatt- und Pinselgold, Silber, Ziselierungen
Einband: roter Samteinband mit goldenen Zierelementen
Kommentarband zur Edition von Jenny Stratford und Jane Roberts, Vorwort von HRH The Prince of Wales
Druckauflage: 680 Exemplare
Krönung Exklusiv GmbH
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90547 Stein

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